ARTIKEL: INTEGRIERTES PRODUCT LIFECYCLE MANAGEMENT

Warum integriertes Product Lifecycle Management eine existenzielle Bedeutung für die Digitalisierungsstrategie hat und welche Anforderungen an die Modernisierung bestehender PLM-Systeme gestellt werden

Jeder von Ihnen kennt die Hochglanz Werbevideos, in denen Technologievisionen das Ende komplizierter Entwicklungsprozesse suggerieren. Dabei wird das Engineering via Augmented Reality zum Kinderspiel, das Design wird in Echtzeit-Feedbackschleifen im virtuellen Raum optimiert und anschließend mit additiven Fertigungsverfahren vor Ort produziert. Alles umrahmt von künstlicher Intelligenz. Wer braucht da noch Product Lifecycle Management?

Was so visionär klingt, ist aus rein pragmatischer Sicht nur das Langzeitergebnis der disruptiven Veränderungsprozesse der modernen Industrie. Die grundsätzlichen Anforderungen an den Produktlebenszyklus bleiben jedoch auch bei einem solchen Automatisierungsgrad die gleichen:

die Einführung digitaler Systemmodelle für durchgängige Prozessketten in der Produktentwicklung, Produktionsplanung, Produktion und im Service. Das bedeutet: Die Bereitstellung aller Informationen rund um das System, eine lückenlose horizontale und vertikale Integration der Wertschöpfungskette, eine konsistente Nachverfolgbarkeit und damit schlussendlich die Minimierung der TCO.

Eine der größten aktuellen Herausforderungen im Product Lifecycle Management ist der Aufbau eines PLM Systems, das über den gesamten Produktlebenszyklus integriert ist. In der Praxis liegt der Fokus der Enterprise Anwendungen allerdings bisher ausschließlich auf der Entwicklung und der Konstruktion. „Integriert“ sollte in diesem Zusammenhang jedoch auch die Abdeckung von Zulieferketten und After-Sales beinhalten. Um das zu gewährleisten, braucht es eine Art zentrales BUS-System, welches über den gesamten Lebenszyklus und über alle Dimensionen einheitlich kommunizieren kann: die Produktstruktur. Letztendlich stellt sie das Gerüst für ein digitales Systemmodell.

Ganz konkret zeigt sich dieser Bruch in der Upstream-Integration an den Grenzen zwischen CAD-Modellen des Engineerings, den Anforderungsstrukturen und den Stücklistenpositionen in der E-BOM.

In der Downstream-Integration stellt sich spätestens an der Schnittstelle der E-BOM zur M-BOM die gleiche Problematik ein. Unterschiedliche Autorensysteme und fehlende Verbindungen, bzw. nicht existente funktionale und logische Produktarchitekturen erschweren den Weg zur vollständigen Integration hierbei enorm.

Zukünftige PLM Systeme müssen in der Lage sein, die eben genannten Prozesse reibungsfrei abzubilden. Gerade unter Anbetracht von modernen „As a Service“-Geschäftsmodellen, Predictive Maintenance und Nachhaltigkeitstrends sind digitale Modelle weit über die Auslieferung hinaus von strategischer Bedeutung für die Systementwicklung der Zukunft und die Digitalisierungsstrategie fast jedes Unternehmens.

Für Service und Maintenance werden in Zukunft „Digital Twins“ aus den globalen digitalen Modellen heraus abgeleitet und repräsentieren damit den „as maintained“ Status der einzelnen Systeminstanzen. Lauf- und Ausfallzeiten, Gesundheitsdaten und andere Systeminformationen aus dem Betrieb fließen zurück und finden direkten Einbezug in das Design nächster Produktgenerationen. Systeme sind damit zum Beispiel auch in der Lage, selbstständig Ersatzteilbestellungen durchzuführen – Condition Monitoring mittels IIoT.

Es lassen sich aus diesen Ausführungen folgende Anforderungen kurz zusammenfassen:

  • Einführung von MBSE für vertikale und horizontale Traceability
  • Integration einer durchgängigen Produktstruktur für die Auflösung von Konflikten zwischen verschiedenen Stücklisten und Sichten auf das System
  • Einsatz eines digitalen Modells / digitalen Zwillings für „As a Service“ Dienstleistungen
  • Standardisiertes Änderungs- und Konfigurationsmanagement über den gesamten Produktlebenszyklus
  • Einsatz von Business Intelligence, um Optimierungspotenziale frühzeitig zu erkennen und damit zum Beispiel das Engineering und den Service zu verbessern
  • Integration von agilen Vorgehensweisen in der Weiterentwicklung der Autoren- und Administrations Systeme.

Schlussendlich ist das Management gefragt, die entsprechenden Weichen zu stellen, um den rollenden Zug in die digitale Transformation und nicht auf das Abstellgleis zu lenken. Diese Weichen richtig zu stellen, fordert Durchsetzungsvermögen und Überzeugungskraft. Aber auch soziale Empathie ist gefragt, denn mit dogmatischen Parolen verschränken sich hier nur die Arme der Mitarbeiter und nicht die Schranken am Bahnübergang.

Als Schlüsselkonzept für die Fahrt ins digitale Zeitalter ist es jedoch unumgänglich. Integriertes PLM ist perspektivisch nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine riesige Chance für Industrie und Gesellschaft.

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